. . . fangen meist mit „großer Geschichte“ an.

Mit der von der Hanse und den fleißigen Kaufleuten, mit der von Thomas Mann und den Buddenbrooks, oder mit der von Günter Grass und dem Nobelpreis, und „seinem“ Rot-weinladen.
Nicht bei uns, nicht mit uns. Unsere Geschichten fangen dort an, wo die genannten Dichterfürsten aufhören; beim Marzipanschweinchen,

den Fußgängern in der ihnen zugewiesenen Zone, dem Hund und der Katze von nebenan, vom Quartierzimmer.
August ist in Deutschland, solange ich mich zurückerinnere, und das sind schon ein paar Jahrzehnte, immer ein Schönwettermonat. Ausnahme ist das Jahr 2000, in dem bis jetzt Wetter anders war als bisher. Und dieser August ist ein anderer als je zuvor, aber das hat mit privaten Dingen zu tun. Dennoch, das Wetter, so es denn eines ist, oder auch nur die Bezeichnung dafür verdient, also dieses Undefinierbare, treibt uns aus Berlin in die kleine nahe Welt nach Lübeck.
Das Internet hat uns auch hier bei der Zimmersuche unterstützt, dahinter steckte dann aber doch die altdeutsche Form der Anmietung, Fragebogen ausfüllen, faxen, bestätigen, telefonieren, und gezahlt wird natürlich auch in bar, direkt bei der Vermieterin. Und das „Zimmer mit Küche“, so wie es angepriesen und vermittelt wurde, war dann auch ziemlich deutsch, sehr deutsch. Die Küche besteht aus einer Kaffeemaschine, einer Mikrowelle und einem abgeschaltetem Kühlschrank, auf zwei Ecken des Zimmers verteilt. Das Sammelsurium-Geschirr befindet sich an einer dritten Stelle, auf dem engen Flur in einem Garderobenschrank. Trotz der kalten und feuchten Witterung ist selbstredend nicht geheizt, dafür sind die Fenster offen. Meine feine Nase nimmt sofort Witterung nach Muffelgeruch auf. Lichtblick, und die Stimmung etwas erhellend, ist der moderne Markenfernseher mit Satelitenanschluß. Dafür fehlt das Telefon, und somit die Nabelschnur in die große weite Welt des Internet.
Es ist deprimierend für so eine Unterkunft fast 100,–DM zu bezahlen. Wir sehen uns darin bestätigt, in Europa, besonders aber in Deutschland, nur in Hotelketten wohnen zu können, dem Preis-Leistungsverhältnis angemessen und ohne Abstriche am Gewohnten machen zu müssen.
Egal, ist eben nicht die große weite Welt…und für die zwei Tage wird’s schon gehen.
Der Reiseweg kam auch aus dem Internet, wie sonst sollten wir wissen wo die Schleusenstraße ist. Die Beschreibung ist von US-Amerikanern für US-Amerikaner gemacht, eindeutig. Meterangaben, und wenn es nur hundert sind, also eine Entfernung die man mit bloßem Auge locker übersehen kann, werden explizit ausgedruckt, jede kleine Kurve beschrieben. Sehr witzig, aber nur bedingt hilfreich; nämlich am Zielort, wo es dann wirklich darum geht in einer unbekannten Umgebung auch punktgenau anzukommen.
Ausgepackt, und wieder rein ins Auto, in die Stadt. Die Geschäfte schließen um 19:00, so haben wir noch ein wenig Zeit durch die gut besuchte Fußgängerzone zu schlendern, einige der Sehenswürdigkeiten Lübecks gleich noch zu begucken, und auszuwählen was wir am nächsten Tag alles näher unter die Lupe nehmen werden.
Das Puppen-Theater-Museum ist so eine Sehenswürdigkeit.




Leider können hier nur sehr wenige Bilder aus diesem beeindruckendem Museum gezeigt werden. Unbedingt hingehen, selbst ansehen. Es ist liebevoll gestaltet und mit viel Fachwissen um alte Puppen, Marionetten, Stabpuppen, Marotten, und Handpuppen ausgestattet.

Vom Holstentor kommend, Richtung Rathaus („bergauf“), die erste Straße rechts herum. Eintritt 6,–DM. Täglich von 9:00 – 18:00 geöffnet.
Nach dem Besuch des Museums, rechts herum, die enge Gasse bergauf, dann links und wieder links, und schon steht man vor der St. Petri Kirche,



die DER Aussichtsturm in Lübeck, über Lübeck, ist. Die Kirchengemeinde hat pfiffig gedacht und gehandelt, und den im Krieg zerstörten Glockenturm zwar wieder aufgebaut, aber die Glocken stehen vor dem Portal. Zu ihrem angestammten Platz führt jetzt ein Aufzug. Der Blick auf den Rathausplatz mit dem regen Treiben und der Blick auf die Dächer der verwinkelten Altstadt lohnt die 3,50 DM für die Auffahrt allemal.
Das alte Rathaus ist ein beeindruckender Bau der Jahrhunderte und der verschiedensten Stilepochen. Der „Germanistenkeller“ erweckt mein Interesse, aber der Zugang ist nur über den Ratskeller möglich; nur weiß man nicht so genau wo der Eingang für den ist. Klärung schafft hier vermutlich die gleich nebenan eingerichtete Sammelstelle für alle Stadtführungswilligen.
Wir sind nicht willig, und die richtige Zeit dafür ist es sowieso nicht. Täglich um 11:00 und 14:00 geht es durch die Stadt. Es gibt aber auch ein sehr pfiffiges Infosystem, das es einem ermöglicht ungeführt die Sehenswürdigkeiten zu entdecken.
Eine Sehenswürdigkeit, die eigentlich gar keine ist, wohl aber mein absolutes Hauptinteresse an Lübeck darstellt, ist der „Marzipanpalast“, das Ladengeschäft der Firma Niederegger.

Ich gerate in Verzückung, die Vorstellung man ließe mich hier über’s Wochenende zurück lässt mich genussvoll stöhnen. Aber dem kann und darf nicht so sein. Endlich erstehe ich meine geliebten Marzipanschweinchen. Man kriegt sie ja sonst schon fast gar nicht mehr zu kaufen, und dabei sind sie doch mit so viel Erinnerungen an die Kinderzeit verbunden.
Die Kids von heute haben vermutlich Pommes, Spaghetti, McDonalds oder die Cola Dosen als Altlast mit sich herumzuschleppen, wenn sie denn diese Ernährung überleben, und alt werden. Ist aber auch eine armselige Erinnerung…
Heute am Samstag, dem 5.August 2000 wird Lübeck seine eigene Art Love-Parade bekommen. Musikdampfer, beladen mit Musik der unterschiedlichsten Stilrichtungen und dazugehörigem Publikum, stechen ab 13:00 in See; Richtung Travemünde und zurück, und wieder los, solange bis die Party zu Ende geht.
Wir fahren ohne Dampfer in Richtung Travemünde.




In einem sehr guten italienischem Restaurant nehmen wir unser Mittagsmahl ein. So gute Pizza und so eine hervorragende Salatsauce hatten wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr in einem Restaurant. Die Preise sind eines Kurortes würdig, das Essen aber auch, und somit stimmt die Sache. Aber auch hier verweilen wir nicht lange. Es zieht uns auf das offene Meer hinaus. Für ganze 10,00 DM pro Nase kann man mit der Fähre den ganzen Tag hin und her fahren, immer zwischen den Inseln Fehmarn und Lolland hin und her.

Natürlich sind wir dabei. Ein großes Schiff voll beladen mit PKW’s und vielen LKW’s und anderen Mitfahrern macht sich auf den Weg mit uns.
Wir machen den Turn nur einmal, und sind nach knapp zwei Stunden wieder auf Fehmarn in Puttgarden. Wir wollen uns noch das Feriendorf in Burg angucken. Der Weg dorthin erinnert uns ein wenig an die Weitläufigkeit Rügens. Das „Dorf“ selbst ist eine einzigste Bausünde. Späte Betongotik der 70er Jahre. Es kann einen schütteln. Was unsere Politiker so alles wegen und für Geld gemacht, zugelassen und geduldet haben. Berlin Märkisches Viertel ist nicht schlechter, nur fehlt der See-Blick in Berlin.
Zurück nach Lübeck geht es nicht anders als hierher, über die Fehmarnsund-Brücke. Es weht eine „Steife Brise“, der Windsack hängt waagerecht. Aber es sind keine Böen, und somit ist das Ganze ungefährlich.

Unsere Wochenendfahrt geht gemütlich über die alte Transitstrecke der B5 zurück nach Berlin. Vieles hat sich verändert, am meisten aber die Straßenführung und die Straßenqualität. Nur eines erstaunt uns sehr, kein McDonalds unterwegs. Das ist in Brandenburg und MeckPom ganz anders.

Aber Ritter Kahlbutz ist geblieben, nur der Hinweis auf ihn ist neu, und so besuchen wir „Das biologische Rätsel“.
Fotografieren ist eigentlich verboten, aber Andreas hat das Schildchen doch einfach nicht gesehen, und so haben wir den Ritter jetzt im Internet. So einer gehört auch hierhin. „Das Recht der ersten Nacht“ für sich in Anspruch nehmen und auch noch Konkurrenten totschlagen, da ist die Unvergänglichkeit doch das Mindeste was dem Kerl widerfahren konnte. Und jetzt soll alle Welt im www. das wissen und erfahren. Nicht nur das Land der Dichter und Denker waren wir, wir wissen es auch aus anderen Zeiten, wir waren, und sind schon wieder im Begriff, ein Land der Totschläger zu werden. Kahlbutz ist eine Jahrhunderte alte traurige Mahnung.

Aber wie die Menschen so sind, direkt neben dem Grauen liegt das Gemütliche. Ein Gartenlokal, und noch eins, und schon kehrt man fröhlich ein und lässt sich kauend nieder…

Gestärkt mit einem preiswerten, schmeckendem Imbiss geht es weiter nach Hause.
Und dann kommt endlich ein MacDonalds.

Einmal Caribbean Shrimps und Cola, einmal Schoko Donut und Kaffee.

So hat auch diese Reise ein gutes Ende gefunden.

Nicht ganz.

Der Kameramann hat leider beim Überspielen der Bilder einen unverzeihlichen, aber vermeidbaren, Routinefehler begangen, und so sind mehr als die Hälfte der Fotos unwiederbringlich verloren.

Macht nichts, fahren wir in 19 Jahren mal wieder hin, und holen das nach.